Blog Post

Kosten uns die Russland-Sanktionen wirklich 2 Millionen Jobs?

Vor zwei Wochen hat ein Bericht des Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) zur Wirkung der Russland-Sanktionen auf die europäische Wirtschaft eine hohe mediale Aufmerksamkeit erzielt. Es ist nun möglich, Medienberichte und die Studie zu vergleichen, und die der Studie zugrundeliegende Methodik zu hinterfragen. Haben die Ökonomen in Wien  die Auswirkungen der EU-Maßnahmen auf Handel, Wachstum und Beschäftigung übertreiben?

By: Date: July 14, 2015 Topic: Global Economics & Governance

Vor zwei Wochen hat ein Bericht des Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) zur Wirkung der Russland-Sanktionen auf die europäische Wirtschaft eine hohe mediale Aufmerksamkeit erzielt  [Welt: “Russland: Sanktionen kosten Europa bis zu 100 Milliarden”; Die Presse: “Wifo: Russland-Sanktionen gefährden 11.000 Jobs in Österreich”; SPON: “Studie: Russland-Krise soll 500.000 Jobs in Deutschland gefährden”] – und wurde unter anderem von Sergei Iwanow (Vorsitzender der Russischen Präsidialverwaltung) als Beleg dafür angeführt, dass sich die EU mit den Sanktionen massiv selbst schadet. Nach Ende der Sperrfrist wurde der Bericht nun kostenpflichtig veröffentlicht, so dass es nun möglich ist, Medienberichte und die Studie zu vergleichen, und die der Studie zugrundeliegende Methodik zu hinterfragen.

Wichtigster Punkt ist, dass in vielen Berichten der Rückgang europäischer Exporte auf die Sanktionen zurückgeführt wird. Ein Großteil der geringeren russischen Importe ist aber ein Ergebnis der schlechten Entwicklung der russischen Wirtschaft. Diese ist stark von den niedrigen Energiepreisen und strukturellen Faktoren getrieben – hängt aber natürlich auch mit der unsicheren politischen Lage zusammen. Bisher konnte noch niemand den „Beitrag“ der Sanktionen zum beobachteten Rückgang des Handelsvolumens um 25 % glaubwürdig schätzen. Es ist im gegenwärtigen Umfeld aber unwahrscheinlich, dass die Sanktionen die wichtigste Ursache für den Rückgang des Handels sind. Beispielsweise gingen in der Russlandkrise 1998 die Exporte nach Russland nach Ölpreisverfall und ähnlich starker Abwertung, ohne jegliche Sanktionen, um über 30% zurück. Eine (gar politische) Schlussfolgerung bezüglich der Sanktionen lässt der beobachte Rückgang des Handels also nicht zu.

Zweitens geht die Studie davon aus, dass Güter die nicht mehr nach Russland exportiert werden können keinen Markt mehr finden. Während das für einzelne Firmen zutreffen kann, ist das für ganze Volkswirtschaften eine unrealistisch pessimistische Annahme. Zu etwas niedrigeren Preisen oder mit etwas mehr Markterschließungsaufwand, wird sich der Großteil der Produkte auch anderswo absetzen lassen. Darüber hinaus werden von russischen Importsanktionen betroffene landwirtschaftliche Produkte entweder direkt über Drittländer (z.B. via Belarus) weiterhin nach Russland exportiert, oder Handelsstromverschiebungen schaffen neue Märkte für betroffene europäische Produkte anderswo.

Die Studie schätzt im meistzitierten Szenario, dass das europäische BIP aufgrund der Handelsverwerfungen mit Russland um 92 Mrd. Euro sinkt. Bei einem Handelsvolumen von 103.3 Mrd. Euro im Jahr 2014 würde das bedeuten, dass die europäischen Exporte nach Russland quasi komplett zusammenbrechen, keinerlei Handelsumlenkung stattfindet und vor der Krise alle europäischen Exporte nach Russland aus Gütern mit 100% europäischer Wertschöpfung bestanden haben. Schließlich würden die in Europa freigewordenen Kapazitäten (Arbeitskräfte und Kapital) nicht zu anderer Wertschöpfung genutzt werden.

Nur unter diesen realitätsfremden Annahmen wäre die in der Presse abgeleitete Aussage, dass einzelne Länder mehr als 1% der Jobs aufgrund des zurückgehenden Handels mit Russland verlieren würden, zutreffend. Die außergewöhnliche Größe der berechneten Effekte zeigt, dass das verwendete Input-Output-Modell lediglich in der Lage ist  jene Beschäftigung zu schätzen, die gegenwärtig mit den Russlandexporten im Wirtschaftskreislauf verbunden ist. Da es im Gegensatz zu Gleichgewichtsmodellen keine alternative Verwendung von Produktionsfaktoren und Produkten darstellen kann ist es allerdings vollkommen ungeeignet um die Auswirkung auf BIP oder Beschäftigung zu prognostizieren.

Wir haben nicht die notwendigen Modelle um kurzfristig besser fundierte Zahlen liefern zu können. Allerdings kann man klar sagen, dass die der Studie zugeschriebene Hauptaussagen falsch sind: Weder sind die Sanktionen nachweißlich die hauptsächliche Ursache für den Handelsrückgang, noch verursacht letzterer einen Rückgang des europäischen BIP um 92 Mrd. Euro und den Verlust von 1% der europäischen Jobs.

Vor zwei Wochen hat ein Bericht des Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) zur Wirkung der Russland-Sanktionen auf die europäische Wirtschaft eine hohe mediale Aufmerksamkeit erzielt. Es ist nun möglich ist, Medienberichte und die Studie zu vergleichen, und die der Studie zugrundeliegende Methodik zu hinterfragen. Haben die Ökonomen in Wien  die Auswirkungen der EU-Maßnahmen auf Handel, Wachstum und Beschäftigung übertreiben?


Republishing and referencing

Bruegel considers itself a public good and takes no institutional standpoint. Anyone is free to republish and/or quote this post without prior consent. Please provide a full reference, clearly stating Bruegel and the relevant author as the source, and include a prominent hyperlink to the original post.

View comments
Read article More on this topic More by this author

Podcast

Podcast

Director's Cut: Balancing free trade with national security interests

In this episode of Director's Cut, Stephanie Segal of CSIS joins Bruegel's Guntram Wolff and Maria Demertzis for a conversation about the tension between free trade and national security issues, and the emerging threats to multilateralism.

By: The Sound of Economics Topic: Global Economics & Governance Date: February 19, 2019
Read article More on this topic More by this author

Blog Post

How the EU could transform the energy market: The case for a euro crude-oil benchmark

There is a strong case for an oil benchmark in euros. Trading energy markets in more than one currency is not unprecedented, and indeed used to be the norm. Europe – with its powerful currency and reliable regulatory environment – should stand a good chance of success.

By: Elina Ribakova Topic: Energy & Climate Date: February 13, 2019
Read about event More on this topic

Past Event

Past Event

The world’s response to China’s Belt and Road Initiative

This event will look at the Chinese Belt and Road Initiative as well as the response from the rest of the world.

Speakers: George Cunningham, Uri Dadush, Jean-Francois Di Meglio, Theresa Fallon, Alicia García-Herrero and Guntram B. Wolff Topic: Global Economics & Governance Location: Bruegel, Rue de la Charité 33, 1210 Brussels Date: February 8, 2019
Read article Download PDF More on this topic

Policy Contribution

Russia's growth problem

After the 2014-2016 currency crisis, Russia’s economy has returned to growth, albeit at a slow pace. In this Policy Contribution, the authors analyse the potential causes of mediocre growth performance, as well as its impact on Russia's economic and political relationships. They also include their recommendations for the future.

By: Marek Dabrowski and Antoine Mathieu Collin Topic: Global Economics & Governance Date: February 7, 2019
Read article More on this topic More by this author

Podcast

Podcast

Director's Cut: Reflections on five years of China's Belt and Road Initiative

Bruegel fellows Alicia García-Herrero and Uri Dadush join Guntram Wolff for this Director's Cut of 'The Sound of Economics', focusing on the progress made by China's Belt and Road Initiative, how it will continue to develop, and the reactions it has stirred across the world.

By: The Sound of Economics Topic: Global Economics & Governance Date: February 7, 2019
Read article Download PDF More on this topic

Working Paper

Countries’ perceptions of China’s Belt and Road Initiative: A big data analysis

Drawing on a global database of media articles, the authors quantitatively assess perceptions of China’s Belt and Road Initiative (BRI) in different countries and regions. They also identify the topics that are most frequently associated with the BRI.

By: Alicia García-Herrero and Jianwei Xu Topic: Global Economics & Governance Date: February 6, 2019
Read about event More on this topic

Past Event

Past Event

Rules-based trading system and EU-Australia

At this event the Australian Minister for Trade, Tourism and Investment, Senator the Hon Simon Birmingham will speak about Australia-EU bilateral trade, the FTA negotiations and the importance of multilateral rules-based trading system

Speakers: Senator the Hon Simon Birmingham, André Sapir and Guntram B. Wolff Topic: Global Economics & Governance Location: Bruegel, Rue de la Charité 33, 1210 Brussels Date: January 22, 2019
Read article Download PDF More on this topic

Policy Contribution

The Belt and Road turns five

Five years after its launch, Michael Baltensperger and Uri Dadush reflect on China’s Belt and Road Initiative. The plan to revive ancient trade routes has the potential to enhance development prospects across the world and in China, but that potential might not be realised because the BRI’s objectives are too broad and ill-defined, and its execution is too often non-transparent, lacking in due diligence and uncoordinated.

By: Michael Baltensperger and Uri Dadush Topic: Global Economics & Governance Date: January 10, 2019
Read article More on this topic More by this author

Opinion

Lose-lose scenario for Europe from ongoing China-US negotiations

Without an expectation of a larger market for European exports in the absence of additional opening up by Chinese authorities, European exporters should not enjoy the ongoing China-US negotiations.

By: Alicia García-Herrero Topic: Global Economics & Governance Date: January 9, 2019
Read article More by this author

Podcast

Podcast

Director’s cut: Wrapping up 2018

With 2018 drawing to a close, and the dawn of 2019 imminent, Bruegel's scholars reflect on the economic policy developments we can expect in the new year – one that brings with it the additional uncertainty of European elections.

By: The Sound of Economics Topic: Energy & Climate, European Macroeconomics & Governance, Finance & Financial Regulation, Global Economics & Governance, Innovation & Competition Policy Date: December 20, 2018
Read article More on this topic More by this author

Opinion

China’s view of the trade war has changed—and so has its strategy

The truce agreed on by China and the United States at the sidelines of the recent G-20 meeting in Buenos Aires doesn’t really change the picture of the U.S.’s ultimate goal of containing China. The reason is straightforward: The U.S. and China have become strategic competitors and will continue to be so for the foreseeable future, which leaves little room for any long-term settlement of disputes.

By: Alicia García-Herrero Topic: Global Economics & Governance Date: December 19, 2018
Read article More on this topic More by this author

Blog Post

Brexit: Now for something completely different?

The life of Brexit. After a week of ECJ rulings, delayed votes, Theresa May’s errands across Europe and the vote of no confidence, we review the latest economists’ opinions to try to make sense of what has changed and what hasn’t.

By: Inês Goncalves Raposo Topic: European Macroeconomics & Governance Date: December 17, 2018
Load more posts